Aufnahme und Integration unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge (UMF): Teilhabe, Meinungsäußerung und Begleitung einer Zielgruppe mit komplexen Lebenswegen 

Seit den 1990er Jahren sieht sich Europa mit einer Situation konfrontiert, die als Migrationskrise bezeichnet wird. Der repressive Ansatz hat Vorrang vor einer echten Aufnahmepolitik. Die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge ist von widersprüchlichen Logiken geprägt, und es besteht die Gefahr, dass ihr Potenzial zur Teilhabe und ihr kreatives Potenzial „verschwendet” werden. Mehrere Forscher*innen des CAPACITI-Projekts äußerten sich letzten Monat auf einem Kolloquium in Genf zu diesem Thema.  

Wie sieht es mit den Herausforderungen der Beteiligung von UMF aus? Partizipative Forschung zur Beteiligung von UMF betreiben

Philippe Hirlet und Thibaut Besozzi aus der Forschungsabteilung des IRTS Lothringen stellten ihren Beitrag zum CAPACITI-Projekt vor, insbesondere den Schwerpunkt, an dem sie beteiligt sind: die Beteiligung unbegleiteter Minderjähriger.  

Sie berichteten über die Erprobung einer Methode der gemeinsamen Forschung MIT unbegleiteten Minderjährigen und den Sozialarbeiter*innen, die sie begleiten. Bei diesem Ansatz geht es darum, eng mit den unbegleiteten Minderjährigen und den sie begleitenden Diensten zusammenzuarbeiten, nicht nur bei der Vorbereitung der Forschung, sondern vor allem auch bei ihrer praktischen Durchführung (d. h. der Phase der Feldforschung und der Datenanalyse).

Diese Zielgruppe bringt somit neben akademischem und beruflichem Wissen auch Erfahrungswissen ein, um das Thema eingehender zu untersuchen. Sie werden außerdem in die Durchführung der Interviews sowie in die Datenanalyse einbezogen.  

Es geht also darum, die Beteiligung der UMF anhand einer Methodik zu hinterfragen, die selbst partizipativ sein soll!  

Die ersten Schritte dieses Experiments liefern bereits Elemente, die zur Konsolidierung der Problematik beitragen können. Mit anderen Worten: Die angewandte Methodik stellt das untersuchte Thema selbst auf die Probe. Dies wird insbesondere deutlich, wenn man bereits jetzt die logistischen, rechtlichen oder psychologischen Hindernisse betrachtet, die diesen gemeinsamen Forschungsansatz behindern können. 

Da ihre administrative Situation und ihre Rechte besonders spezifisch sind, müssen die Forscher*innen eine Reihe von Arbeitsgenehmigungen einholen, damit sich die UMF formell an der gemeinsamen Forschung beteiligen können, ganz zu schweigen von den Reisen und der Verfügbarkeit, die natürlich im Voraus geklärt werden müssen.

Wir müssen beispielsweise darauf achten, dass ihre Vergütung nicht mit anderen Rechten oder Ressourcen, die ihnen anderweitig zustehen, in Konflikt gerät. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Tatsache, dass sie minderjährig oder junge Volljährige sind, ebenfalls Einfluss auf die Erteilung dieser Genehmigungen hat. All dies kann die Teilnahme von UMF behindern... ganz zu schweigen von den psychologischen und emotionalen Risiken, die für die Mitforschenden bestehen können, wenn sie Gleichaltrige zu Erfahrungen befragen, die sie selbst in irgendeiner Weise gemacht haben (Risiken, auf die die sie begleitenden Fachleute besonders achten).  

Gleichzeitig hat die geplante Methodik bereits gezeigt, wie sehr bestimmte UMF bereit sind, sich an der Erstellung wissenschaftlicher Daten zu beteiligen, die sie selbst betreffen!

Es versteht sich von selbst, dass dieses Experiment weiterhin durch die zentrale Rolle überrascht, die die UMF dabei einnehmen, nicht nur als Gegenstand der Studie, sondern auch als Akteur*innen der Forschung.

UMF: Ein unbequemes Publikum, das die Praktiken der Bildungsbegleitung und die Asylverfahren in Frankreich und Deutschland hinterfragt

Maéva Eddouh (Universität des Saarlandes), Juristin und Doktorandin an der Universität Toulouse Capitole und am Institut für europäisches, internationales und vergleichendes Recht (IRDEIC) im Bereich Freiheitsrechte und Europarecht, sprach insbesondere über die Praktiken der Bildungsbegleitung und die Asylverfahren in Frankreich und Deutschland.

 Zusammen mit Céline Petrus, Doktorandin in Erziehungs- und Bildungswissenschaften (Universität Toulouse Jean Jaurès) und Ausbilderin am Institut sanitaire et social – IFRASS in Toulouse, ging sie auf das französische Verfahren zur Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Ausländern sowie auf das deutsche Verfahren ein und hob dabei hervor, dass die Minderjährigkeit auf beiden Seiten des Rheins jeweils geprüft wird.  

Auf französischer Seite erhält ein*e Jugendliche*r, die*der als minderjährig anerkannt wird, von der Staatsanwaltschaft eine OPP (eine vorläufige Unterbringungsanordnung) und wird gemäß dem nationalen Verteilungsschlüssel in einem Departement untergebracht. Wird er*sie hingegen für volljährig erklärt, hat dies zur Folge, dass er*sie auf der Straße landet und/oder von NGO und Aktivist*innen-Gruppen betreut wird. Es ist jedoch anzumerken, dass laut Ärzte ohne Grenzen 50 bis 80 % der Jugendlichen, die sich ans Jugendgericht wenden, letztendlich als minderjährig anerkannt werden.

Auf deutscher Seite wird ein als minderjährig anerkannter Jugendlicher vom Jugendamt betreut, während ein*e als volljährig erklärte*r Jugendliche*r die Möglichkeit hat, einen doppelten Rechtsbehelf einzulegen, nämlich:  

  • DVor dem Gericht, um die Entscheidung anzufechten 
  • Vor dem Verwaltungsgericht, um die aufschiebende Wirkung aufzuheben  

Darüber hinaus hat sie*er jedoch die Möglichkeit, bis zum Alter von 21 Jahren die Leistungen für volljährige Jugendliche in Anspruch zu nehmen.  

Auf beiden Seiten der Grenze stellt es sich jedoch für Fachleute als schwierig dar, diese Zielgruppe um ihr Vertrauen zu bitten, wenn die Betreuung von Anfang an von einem Verdacht auf Lügen geprägt ist.  

Maéva Eddouh und Céline Petrus erinnerten daran, dass die Geschichte dieser Jugendlichen nicht auf ihre Verwaltungsakte reduziert werden darf, und wiesen darauf hin, wie wichtig es ist, diese Kinder weiterhin unter Achtung ihrer Rechte zu behandeln. Diese befinden sich nämlich in einem Spannungsfeld zwischen zwei widersprüchlichen Logiken: 

  • Illegale Einwanderung kontrollieren 
  • Das Wohl des Kindes schützen 

Im Zweifelsfall muss der Schutzgedanke Vorrang vor dem Verdacht haben. Dieser Ansatz und diese Haltung müssen mit einem Umdenken in der Aufnahmepolitik einhergehen, das das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt stellt.  

Maéva Eddouh und Céline Petrus erinnerte daran, dass unbegleitete minderjährige Ausländer über ihre administrative Kategorie hinaus Kinder sind, die eine einzigartige Geschichte haben und Grundrechte besitzen.

Das Wohl des Kindes ist universell und fordert uns auf, die Verantwortung der Erwachsenen zu hinterfragen, die Geschichte geschrieben haben, sodass Kinder eines Tages gezwungen sind, ihre Familien zu verlassen, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. 

Workshop „Schreiben und Rap“ für volljährige Jugendliche, die als unbegleitete Minderjährige nach Frankreich gekommen sind

Cassandre Loegel, Doktorandin, und Nadine Demogeot, Dozentin am Laboratoire Interpsy (Université de Lorraine), berichteten während dieser Tagung über die RAPeJeM-Forschung (Cifre-Programm, Sozialhilfe für Kinder).

Diese zielt darauf ab, den Übergang ins Erwachsenenalter und die Betreuung nach einem Aufenthalt in der Kinder- und Jugendhilfe zu untersuchen, und zwar mit Hilfe eines klinischen Programms, mit therapeutischem Ansatz, das sich der Rap-Mediation bedient.

Im Rahmen eines auf Beziehungen ausgerichteten Workshops ermöglichten die Treffen mit vier volljährigen Jugendlichen mit UMF-Hintergrund Überlegungen zum Stellenwert des Erzählens in der Begleitung bis zur Volljährigkeit. 

Darüber hinaus bot dieses klinische Verfahren die Gelegenheit, über mögliche Widerstände gegen den Ausdruck von Erfahrungen bei dieser Zielgruppe nachzudenken und intermediäre Instrumente in einer interkulturellen Dimension zu erproben. In diesem Fall fungierte die Mediation durch Rap als kulturelle und berufliche Schnittstelle, die dazu beitrug, dass junge Menschen, die dem psychologischen Rahmen der Begleitung oft ablehnend gegenüberstehen, ihre Erfahrungen in Worte fassen und einen Weg der Symbolisierung finden konnten.